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Die Fragen für dieses Interview stellte Jürgen Sander von der Büchergilde


Lieber Herr Ninic,

Bei der Büchergilde erscheint nun Ihre neueste CD Best of Wiener Tschuschenkapelle. Sie sind sicher schon oft gefragt worden, aber dennoch: Was bedeutet „Tschuschen“?

Tschusch ist ein Schimpfwort und bezieht sich in der Regel auf einen Südosteuropäer (Kroaten, Serben, Bosnier, Bulgaren, Rumänen, usw.). Ein Tschusch ist faul, schmutzig, unehrlich und unerwünscht, höchstens geeignet für irgendwelche niedrigere Arbeit. Seit der Gründung und dem Erfolg der Wiener Tschuschenkapelle haben die populistischen Politiker in Österreich ihre liebe Not mit dem Ausdruck, denn inzwischen ist die Band bekannter als dieses ursprünglich böse Wort. Ich glaube, daß es aus dem Russischen kommt, es heißt dort fremd, minderwertig.

Der Untertitel lautet Wien-Rennweg, Balkan. „Der Balkan beginnt in Wien, am Rennweg“, soll Fürst Metternich mal gesagt haben. Können Sie Nicht-Wienern erklären, was der Rennweg ist?

Der Rennweg ist eine Straße in Wien, die eben in den Südosten führt. Allerdings ist die Gegend auch als „Botschaftsviertel“ bekannt und schließlich liegt auch das berühmte Wiener Prachtschloß Belvedere am Rennweg. Jetzt kann man es sich natürlich aussuchen, was der Fürst Metternich mit dem Spruch gemeint haben mag, vielleich war er nur über einen Botschafter (den französischen ?) verärgert.

Sie spielen Stücke aus den unterschiedlichsten Regionen, ob das Kroatien, Bosnien, Albanien, Rumänien, Griechenland, Polen oder Ungarn ist. Wie finden Sie die Stücke, oder bringen Ihre Musiker, die ja ebenfalls aus den unterschiedlichsten Regionen kommen, diese Stücke mit?

Mit dieser Musik bin ich und auch die meisten Musiker in der Tschuschenkapelle groß geworden. Die hat man im Radio gehört, Eltern und Großeltern haben die Lieder gesummt, bei Geburtstagsfeiern und Hochzeiten hat man kaum „westliche“ Musik gespielt und jetzt ist es auch noch so – wenn die Fete richtig losgehen soll, werden die alten Lieder hervorgeholt, mit denen identifiziert man sich, die drücken aus, was einen bewegt, Liebe, Eifersucht, Traurigkeit und Wehmut, Ausgelassenheit und Melancholie, je nachdem wie lang der Abend ist. Also kennt man das, oft wissen die Leute nicht, daß etwas ursprünglich ungarisch oder rumänisch ist, es gibt Übersetzungen und natürlich haben wir das in der Band bewußt erweitert und diese Vielfalt zum Programm erhoben. Vor 17 Jahren waren wir einsam auf weiter Flur und eine Art Vorreiter, jetzt in der Zeit der worldmusic gibt es viele Musikgruppen, die einen ähnlichen Weg einschlagen, übrigens mit gutem Erfolg.

Seit den Filmen von Kusturica ist diese Art von Musik zumindest in Deutschland sehr populär geworden. Wie erklären Sie sich das?

Vielleicht werden damit Stimmungen assoziert, eine gewisse Ausgelassenheit und das Feeling „ist doch eh`alles wurscht“, eine Art orientalen Fatalismus. Es spielen auch Bilder eine Rolle, schließlich ist Kusturica Filmemacher, zwanzig, ja dreißig Bläser, die da einem das Leid wegblasen, dabei sind diese Bläser zu 99% Zigeuner, deren Blaskapellen immer ein Geheimtip waren und auf relativ kleine geographische Regionen beschränkt. Goran Bregovic, übrigens der größte balkanische Hochstapler, hat sehr viel Geld damit verdient, indem er die Leute hat spielen lassen und dann mit made by Bregovic gezeichnet. Andererseits befinden wir uns tatsächlich in einem Worldmusic-Zeitalter, die Menschen sind sensibilisiert für das originelle, ursprüngliche und fallen nicht mehr so leicht auf den Mainstream aus den sogenannten Unterhaltungsfabriken herein.

Auf der CD sind auch einige Wiener Lieder. Warum haben Sie diese Stücke in Ihr Programm aufgenommen. Auf den ersten Blick ist das ja ein anderer Musikstil?

Das Wienerlied war schon immer slawisch, ungarisch angehaucht. Angeblich ist das Wienerlied das einzige deutschsprachige Volkslied, in dem Molltonarten vorkommen. Das paßt sehr gut zu dieser Stadt, die ja ein Schmelztiegel der Nationen ist. Wir Tschuschen leben in Wien und wollen nicht mit geschlossenen Augen in die Ferne blicken, das Wienerlied mit seiner Raunzerei, Selbstironie und Todessehnsucht ist uns näher als wir wahrhaben wollen. Wir bringen eine zusätzliche, tschuschische Note hinein. Das Ganze ist auch ein Ausdruck unserer Liebe zu dieser Stadt, außerdem ärgern wir mit unserem Wienerliedengagement einige nationale Recken, die das Wienerlied als Spielwiese ihrer weinseligen Deutschtümelei sehen.

Sie haben mit den Wiener Philharmonikern in der Wiener Oper gespielt. Wie kam das zustande und wie haben sich die beiden musikalischen Welten miteinander vertragen?

Die Deutsche Gramophon-Gesellschaft wollte mit den Wiener Philharmonikern die Oper „Lustige Witwe“ für eine CD aufnehmen. In der Originalpartitur von Franz Lehar kommt im zweiten Akt eine Tamburizzakapelle vor, die bei einem „postvedrinischen“ Fest aufspielt und der Dirigent Sir John Eliot Gardiner dürfte kurz vor den Aufnahmen mit Entsetzen festgestellt haben, daß keine Tamburizzakapelle von der Regie vorgesehen war. Dann sind die Telefone in Wien heißgelaufen, und irgendwer dürfte zugeflüstert haben, das könne nur die Tschuschenkapelle machen und sonst niemand, weil von den Tamburizzamusikanten sind die die einzigen, die Noten lesen können! So ist man bei uns gelandet, und obwohl wir keine Tamburizzaspezialisten waren, haben wir die Partitur tatsächlich in einer Nacht durchstudiert und am nächsten Tag beim Vorspielen einen großen Applaus von den Philhamonikernkollegen bekommen, so war die Sache „gekauft“. Dabei war es gar nicht so schwer. Wir haben dann später viele Male live in der Wiener Staatsoper, wo die Oper aufgeführt wurde, mitgespielt, sogar in der Milleniums-Silvesternacht. Die Philharmoniker haben uns wohlwollend unterstützt, wir durften einmal sogar auf dem Philharmonikerball aufspielen.

„Musik ist, wenn das Herz flattert“, sagten Sie in einem Interview. Offenbar funktioniert das besonders gut bei der Musik, die Sie spielen. Flattert auch bei Ihnen und Ihren Musikern noch das Herz?

Ich erwische mich auf der Bühne, wenn ich gerade nicht mitspiele, beim Zuhören, ich denke, Mensch, das, was da meine Kollegen spielen, ist so großartig, mir kommen fast die Tränen. Ja, und dann spiele ich selber wieder, und singe, und oft muß ich die Zähne zusammenbeißen, daß ich ja nicht sentimental werde, denn nicht ich sondern das Publikum soll weinen, aber ohne das eigene Gefühl geht trotzdem nix. Dem eiskalten Musiker, der ohne Emotion seine Musik perfekt vorträgt, für Geld, Ehre und Ruhm, glaube ich nicht. Der lügt, oder er kann es gar nicht. Natürlich gibt es auch umgekehrt den Fall, daß Musiker allerlei Emotionen vortäuschen, Verwunderung, Entschlossenheit, Begeisterung – bis zum Selbstbetrug. Im Profileben ist es oft so, daß man in der Garderobe, fünf Minuten vor dem Auftritt denkt, um Gottes Willen, ich muß jetzt raus, wie soll denn das gehen, ich bin gar nicht „drauf“, usw. Vielleicht flattert manchmal einem das Herz vor lauter Angst, daß alles in die Hose geht.

„Wir sind Synonym für ,,erfolgreiches Zusammenleben der Kulturen" und manchem Ewiggestrigen ein Dorn im Auge. Gut so“, haben Sie mal gesagt und damit auch eine politische Botschaft formuliert. Hat sich das Klima mittlerweile geändert, oder spüren Sie immer noch Aversionen?

Mittlerweile sind wir eine anerkannte Band, wir haben bei Staatsakten gespielt, vor dem Bundeskanzler und für den Bundespräsidenten. Vielleich werden wir auch als eine Art Feigenblatt genützt, um vorzugeben, daß man liberal ist und eh nix gegen Gastarbeiter hat. Ich stehe diesem Phänomen aber positiv gegenüber, schließlich ist es gut zu sehen, daß man manche Türen nicht einschlagen muß, weil sie ja offen sind. Ewiggestrige wird es immer geben, die erreicht unsere Botschaft sowieso nicht, dafür ist uns eine große Mehrheit der Österreicher für unsere Musik dankbar und empfindet uns als eine österreichische Band „par exellence“ und als Teil der österreichischen Gesellschaft und Kultur.

Wie schlägt sich Ihre politische Haltung in Ihrer Musik nieder?

Wir sind vom Balkan und keine Nationalisten. Wir treten eben für das „erfolgreiche Zusammenleben der Kulturen“ - wobei ich nichts mehr verabscheue als Assimilation und Mainstream. Wir spielen Benefize für Alte, Obdachlose, Arbeitslose, Kinder. Für treten für politische Rechte der Gastarbeiter ein, nicht nur auf das Recht auf eine eigene Kultur, sondern auf eine wirkliche Gleichstellung am Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft. Nur machen wir das nicht mit politischen Parolen, sondern eher mit dem „Wiener Schmäh“.

Wie kam es vor ziemlich genau 15 Jahren zur Gründung der Wiener Tschuschenkapelle?

In den Arbeitspausen haben wir musiziert, ein Türke, ein Österreicher und ich (Kroate). Mit großer Freude haben wir festgestellt, daß das geht, und das es schön ist. Das am Anfang zufällige Publikum hat es mit Wohlwollen bestätigt. So durften wir bei mancher Geburtstagsparty spielen, wobei der Kreis der Leute, denen die Musik gefiel, immer größer wurde. Irgendwann beschlossen wir, eine richtige Band zu gründen, nur der Name fehlte uns. Da sagte ein Freund eher im Spaß, nennt euch doch Tschuschenband, weil Tschuschen seid´s eh´. So passierte es eben, nachher kamen Profimusiker dazu. Inzwischen haben wir sieben oder acht CD-s aufgenommen, haben gespielt auf der halben Welt, in Kanada und Brasilien, in Marokko und Italien, in Belgien und in Deutschland sowieso, und weiß Gott wo noch.


„Ich will mich nicht begrenzen auf die Musik, die in meinem Dorf gespielt wird. Es gibt ja viele Dörfer auf der Welt.“, haben Sie mal gesagt. Sie machen also gerne Ausflüge in andere musikalische Regionen. Was interessiert Sie daran besonders?

Wenn die Musik ein Gefühl ausdrückt, das zugleich mein Gefühl ist, ist mir diese Musik nicht fremd, es ist sofort meine Musik. Und dann frage ich mich: wodurch Großartiges unterscheidet sich denn das Nachbardorf von meinem eigenen? Und das ist ja das Faszinierende, es unterscheidet sich doch! Um diese Nuancen geht es, die man zuerst einmal wahrnehmen muß, um sie sich eigen zu machen. Aber alle Vorsicht ist geboten, man kann elephantenhaft, wie der Mensch an sich ist, sehr viel Porzellan zerschlagen. Eine akademische Überheblichkeit ist da fehl am Platz, ich kenne genug cross-over CD-s und Bands, die glauben, Hauptsache ist, man mischt diverse Stile. Das Resultat ist oft ein grauslicher Eintopf.


Sie haben ja auch eine Konzertreise nach Afrika unternommen. Wie hat das dortige Publikum auf Ihre Musik reagiert?

Wir haben gespielt z.B. in Harare im französischen Kulturklub. Wir Musiker waren Europäer - Franzosen, Schweizer und Dänen, die da im Publikum waren, haben uns wie Brüder behandelt und haben die von uns vorgetragene Tschuschenmusik beinahe als Musik aus ihrem Dorf empfunden. Dann wiederum haben wir vor Menschen gespielt, die nie im Leben eine Geige oder Akkordeon gesehen oder gehört haben und die sich bei jedem Ton wie Kinder gewundert und gefreut haben. Dafür haben aber auch wir Musik gehört, z.B. in Zimbabwe, in der sogenannten Tonga-Area, die wir nicht einordnen konnten, in tonal oder atonal, rhythmisch periodisch oder chaotisch, wo wir uns überhaupt nicht ausgekannt haben, Mensch, was ist das für ein Wahnsinn. Die erste Nacht haben wir diskutierend in einem wirklichen musikalisch-philosophischen Taumel verbracht. Dabei hat uns allen die Musik bis ins Mark gefallen, aber unsere europäischen, rationalen Schädel waren zu kurz gekommen. Es waren lehrreiche Tage und unvergessliche Erlebnise und Begegnungen mit Menschen. Mir kommt jetzt noch vor, in diesen vier Wochen mehr erlebt zu haben, als vorher in einem Jahr. Ich hoffe, dass auch wir den Menschen etwas geben konnten, wenigstens ein Gefühl unserer Solidarität mit ihrer Not.


Was sind Ihre nächsten Projekte. Werden Sie 2006 Konzerte in Deutschland geben und wo kann man die Wiener Tschuschenkapelle live erleben?

Unser Topkonzert in Deutschland findet am 19.5.2005 in Berlin in der ufa-Fabrik. Danach fahren wir gleich nach Tirol und im Augenblick weiß ich gar nicht, wie es weiter geht. Schauen Sie auf unsere homepage: www.tschuschenkapelle.at. Bei uns kommen Konzerte oft ziemlich kurzfristig herein. Wir haben auch keine große Konzertagentur, die uns promotet, sondern man ruft bei mir an und ich feilsche dann um die Gage und Fahrtkosten. Als nächstes wollen wir mit dem 78-jährigen Akkordeonaltmeister Jovica Petkovic eine CD der bosnischen Sevdalinka-Musik aufnehmen, inzwischen haben wir ein eigenes Label, es heißt, dreimal dürfen Sie raten: Tschuschenton, abgekürzt: TNT.

 

 

Vor mehr als 12 Jahren haben 3 "Tschuschen" in Wien eher aus Spaß eine Musikgruppe gegründet. Inzwischen ist die "Wiener Tschuschenkapelle" fast eine "Institution" geworden und füllt - auch international - die Konzertsäle. Soeben ist ihre 5. CD "Live & davon..." auf den Markt gekommen. Im August ist die Gruppe auf einer Tournee durch Brasilien. Mit Slavko Ninic sprach Gerald Grassl.

Die Wiener Tschuschenkapelle gibt es seit etwa 12 Jahren. Ihr habt damals zu dritt begonnen...

Slavko Ninic: Es gibt uns schon länger. Aber vor 12 Jahren haben wir professionell zu musizieren begonnen. Vorher hießen wir übrigens "Erste Wiener Tschuschenkapelle". Das war so eine Gaudi-Partie, aus der sich dann ein wirklich professionell arbeitendendes Ensemble herausentwickelt hat.

Eine "Gaudi-Partie" seid ihr aber heute noch.

Slavko Ninic: Na hoffentlich haben wir die Gaudi nicht verlernt. Aber ich hoffe, dass wir inzwischen - zumindest was die Musikalität betrifft - dazugelernt haben.

Ihr heißt "Tschuschen-Kapelle" aufgrund eurer bunten ethnischen Zusammensetzung. Woher kommen die Leute der Gruppe?

Slavko Ninic: Aus den Tschuschenländern. Dazu zählt vor allem das ehemalige Jugoslawien, woher ich stamme. Hallo! Ich bin nun aus Kroatien. In der Band ist dann weiters ein Türke. Ein Österreicher sowieso. Der war von Anfang an dabei. Er ist ein "klassischer" Österreicher.

"Klassische" Österreicher gibt es aber kaum.

Slavko Ninic: Na ja. Nach einer gewissen Zeit die man hier ist, wird man dann auch "klassisch". An unserer neuen CD hat auch ein Pole mitgearbeitet. Es gibt weiters einen Bulgaren, oft waren Griechen bei uns Gäste. Außerdem gibt es als Gast auch einen Slowenen, der Dirigent an der Oper ist usw. Wir sind also eine bunte Gesellschaft.

Und bist du nun Kroate oder hast du die österreichische Staatsbürgerschaft?

Slavko Ninic: Ich bin gebürtiger Kroate, habe aber die österreichische Staatsbürgerschaft. Meine Eltern stammen ursprünglich aus Bosnien, sind aber bosnische Kroaten. Die mussten schon nach dem II. Weltkrieg emigrieren, weil Bosnien ausgehungert war. Es war so ähnlich wie heute in Bosnien. Diese Nationalitätenkonflikte im ehemaligen Jugoslawien sind ja nicht etwas Neues, sondern das hat es früher auch schon gegeben. Die sind damals nach Kroatien in das Gebiet von Slavonien emigriert, wenn dir das ein Begriff ist. Das ist dieser Ausläufer der pannonischen Tiefebene unterhalb von Ungarn. Ursprünglich ein reiches landwirtschaftliches Land, heute nicht mehr, denn die Landwirtschaft ist jetzt nicht mehr so gefragt wie früher. Aber damals war das ein reiches Land zum Leben und ein gutes Land um zu arbeiten.

Als ich dich 1974 kennengelernt habe, hast du in Wien Dolmetsch studiert und später als Dolmetscher für den ORF - mit eigener Sendung - gearbeitet. Machst du das heute auch noch?

Slavko Ninic: Das war damals vom Wiener "Zuwanderungsfonds", so hat das geheißen. Ich glaube das gibt es heute auch noch. Da habe ich eine Sendung gemacht, die hat glaube ich "für jugoslawische Gastarbeiter" geheißen. Da wurden in 5 Minuten verschiedene Probleme aus dem Berufs- und Alltagsleben abgehandelt. Da wurde informiert, was eine Abfertigung ist, oder wann kann ich in Pension gehen und solche Geschichten halt. Aber der Auftrag war, dass man nicht politisieren darf. Also reine, wertfreie Informationen durften nur gebracht werden. Ich habe mich mehr oder weniger daran gehalten.

Also bist du ein geprüfter Diplom-Dolmetscher?

Slavko Ninic: O ja, denn inzwischen habe ich diese ominöse Prüfung für den gerichtlich beeideten Dolmetscher geschafft.

Damit wärst du ja eigentlich ein hervorragender Vorzeige-Tschusch für die F! Die wollen ja, dass Ausländer hervorragend Deutsch können müssen, obwohl sie selbst keinen geraden Satz zusammenbringen. Ist das nun dein "Brotberuf" oder bist du inzwischen Berufsmusiker geworden?

Slavko Ninic: Was ist ein Berufsmusiker? Was ich studiert habe, übe ich nur mehr wenig aus. In Zagreb habe ich ja ursprünglich Soziologie studiert. Ich bin Diplom-Soziologe. In Wien machte ich die Dolmetscher-Ausbildung. Aber ich lebe in erster Linie von der Musik. Also bin ich nun wohl ein Berufsmusiker, oder?

Wann bzw. wie bist du überhaupt nach Wien gekommen?

Slavko Ninic: Ich habe 1972 in Kroatien die Matura gemacht. Danach hats mir gereicht. Und wollte kein Buch mehr anschauen, sondern in die Welt und arbeiten. Ein Freund hat schon in Wien gearbeitet und hat mir geschrieben, dass ich kommen soll. Es gibt auch Arbeit. Das hätte aber auch ein anderes Land, eine andere Stadt sein können. Das war ein bisschen Abenteurertum. Gehn wir halt in die Welt wie Tom Sawyer. Ich habe damals in einer kleinen Baufirma gearbeitet. Da waren vielleicht 50 Leute beschäftigt. Wir waren fast nur Türken, Kurden und Jugoslawen. Der Betrieb gehörte Ing. Lugner. Ich habe jetzt irgendwo gelesen, dass Herr Lugner bei einer Wahlveranstaltung versprochen hat, dass man die Türken nicht mehr "durchfüttern" werde. Es waren Türken und andere Tschuschen, die ihm sein Imperium aufgebaut haben.

Und warum bist du in Wien geblieben?

Slavko Ninic: Sicher nicht wegen dem Herrn Lugner. Eines Tages saß ich von der Arbeit am Bau total erschöpft und verdreckt bei der Straßenbahnhaltestelle. Die Leute, alles so nette Menschen, schön angezogen und frisiert, sind vorbei und schauten mich an, als ob ich deswegen der letze Dreck wäre. Da hat es mir gereicht. Ich beschloss, wieder zu studieren.

Ich diskutiere immer wieder mit Leuten über den Begriff "Tschusch". Woher stammt dieses Schimpfwort eigentlich?

Slavko Ninic: Ich kenne natürlich die Definition von Peter Wehle aus dessen Wörterbuch, aber davon halte ich nichts. Da steht drin, dass sich Arbeiter beim Bau der Südbahn zugerufen haben sollen "cujez!" = "Hörst du?!" Und so habe sich das mit der Zeit für die Leute eingebürgert, die sich das zugerufen haben. Das glaube ich aber nicht. Ich glaube eher, dass das aus dem Russischen kommt: "cuzaj". Das heißt Fremder. Ich stelle die These auf, dass die Österreicher so genannt worden sind. Nämlich von den Slawen. Und hier wurde es dann von den Österreichern auf die anderen umgemünzt.

Ich kenne eine ähnliche Geschichte aus dem Hebräischen. Aber am meisten leuchtete mir ein, dass das Wort von den deutschen Sprachinseln wie Siebenbürgern stammen soll. Dass "Tschusch" eine Verballhornung für "Deutsch" wäre. Dass man die deutschen Minderheiten in slawischen Gebieten die Deutschen, also die Tschuschen nannte.

Slavko Ninic: In den deutschen Sprachinseln nannte man Deutsche oft "Nemec". Ein Nemec ist ein Stummer, also einer, der nicht sprechen kann oder den man nicht verstehen kann.

Wie auch immer - ich finde es witzig, dass eigentlich die Deutschsprachigen die "Tschuschen" sind. Dennoch meine ich, dass in den 70er-Jahren "Tschusch" eines der grauslichsten, fremdenfeindlichsten Schimpfwörter war. Nun habe ich den Eindruck, dass sich das gewandelt hat. Man hört es kaum noch. Und wenn, dann eher - wie auch bei euch - (selbst-) ironisch.

Slavko Ninic: Es war immer schon ein stilles Anliegen der Wiener Tschuschenkapelle, sich darüber nur lustig zu machen. Dadurch versuchten wir wenigstens in dem kleinen Bereich der Gehässigkeit die giftige Spitze zu nehmen. Ich hoffe, es stimmt, was du sagst. Ja, ich glaube es sogar, denn inzwischen kennen so viele Leute die Tschuschen-Kapelle und können über das Wort Tschusch nur mehr lachen.

Allerdings habe ich den Eindruck, dass sich eure Gruppe in der Selbstdarstellung ziemlich verändert hat. Früher war jeder Auftritt auch eine kleine politische Manifestation gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Nicht mit dem Holzhammer, sondern mit der feinen Klinge. Aber bei eurem letzten Auftritt hatte ich diesen Eindruck nicht mehr. Da ging es "nur" mehr um die Musik und die CD. Ihr seid zwar nicht in der folkloristischen Ecke gelandet, aber es geht hauptsächlich um den Spaß.

Slavko Ninic: Das tut mir natürlich leid, wenn wir keinen politischen Auftrag mehr erfüllen...

Vielleicht sehe ich das auch nur falsch und du beweist mir etwas anderes....

Slavko Ninic: Allein durch die Tatsache, dass wir diese Musik spielen, dass wir uns so nennen, dass wir das Multikulturelle (das ist ja inzwischen schon ein Schimpfwort geworden) weiterhin pflegen, dass wir mit diesen Programmen sehr viele Menschen erreichen, glaube ich, dass das für sich spricht. Da soll man nicht künstlich eine politische Agitation draufpflanzen. Es ist klar, wo wir politisch stehen und welche Botschaften wir vermitteln. Es ist auch klar, welche politischen Parteien das nicht tun bzw. das Gegenteil tun. Das braucht man nicht so plakativ vor sich hertragen. Es ist wichtiger, wenn unsere Botschaft über Musik ins Ohr geht, und die Leute sagen, da gibt es die Wiener Tschuschen-Kapelle und die machen eine leiwande Musik.

Ein Problem für Künstler ist, dass viele von ihnen pausenlos kostenlos für diverse Benefizaktionen durchs Land touren könnten. Von ihnen nimmt man automatisch an, dass sie zu (fast) jeder Zeit für "politisch korrekte" Anliegen gratis aufspielen. Aber (Berufs-) Künstler müssen schließlich auch von etwas leben. Außerdem haben Gruppen wie die eure auch hohe laufende Kosten, die bezahlt werden müssen.

Slavko Ninic: Es ist vor allem in der linken Szene eine Tradition, Musiker anzuheuern, damit sie Benefiz spielen. Ich habe nichts dagegen. Ich mach das auch gerne und wir spielen auch weiterhin Benefiz-Programme wenn es um Ausländer, Kinder sowieso, wenn es um gesellschaftlich relevante Themen geht. Aber es ist das Problem, wenn man Berufsmusiker ist und versucht davon zu leben, muss man auch Geld verdienen. Vor allem sind das Equipment und das ganze Rundherum relativ teuer. Aber das verstehen die Leute nicht immer. Wir haben eine Anlage, die kostet sehr viel Geld. Dann haben wir einen Bus, das darf auch nicht das letzte Auto sein, sonst kommen wir nie oder total kaputt an unserem Ziel an. Es muss alles technisch in Ordnung sein und funktionieren. Und wenn die Veranstalter gewohnt sind, dass die Musiker immer umsonst kommen, dann bemühen sie sich auch weniger um Sponsoren und Einnahmequellen. In der Szene gibt es den Spruch "gute Veranstalter bezahlen Gagen, schlechte Veranstalter machen Benefize".

Aber auch das Publikum ist bei Benefiz-Veranstaltungen meistens anders. Weil es nichts kostet, meinen die Leute oft, dass es auch nichts oder wenig "wert" ist. Wenn die Leute normalen Eintritt bezahlen müssen, wollen sie auch etwas für ihr Geld haben. Da sind meistens die Aufmerksamkeit und Konzentration wesentlich höher.

Slavko Ninic: Ich muss die Veranstalter aber auch in Schutz nehmen. Ich habe den Eindruck, dass es Veranstalter mit gesellschaftlich-politischen Anliegen in Österreich derzeit nicht leicht haben. Denen ist es nie gut gegangen. Aber derzeit geht es an ihre Substanz. Die kalkulieren von Haus aus schon auf einer Selbstausbeutung. Wenn man denen dann 10% an Förderungen kürzt, stürzt gleich alles zusammen, weil da ist nichts mehr, wo man sparen könnte. Das betrifft vor allem viele kleine lokale Initiativen, Clubs und Vereine. Es gibt aber in der Branche auch schlechte Gewohnheiten. Dazu möchte ich gerne eine Geschichte erzählen, die mir am Herzen liegt: Wir sind einmal gebeten worden, ein Benefiz für einen engagierten Menschen zu spielen, der in irgendwelche Troubles gekommen ist. Der Erlös soll dazu dienen, seine Rechtsanwaltskosten zu bezahlen. Und das ist bezeichnend. Viele Musiker müssen auf die Bühne, um einen Anwalt zu bezahlen. Nicht, dass man verlangt oder annimmt, dass der Rechtsanwalt einfach auf seine Gage für einen engagierten Kumpel verzichtet. Und das sagt halt auch einiges über die "Wertigkeit" von Musik und Musikern aus.

(Wien, im Jahre 2001, Gerald Grassl)

 

"Warum sollte man die schönen Lieder des Balkan mit US-Jazz mischen?" Musik ist, was Herz flattern lässt

Slavko Ninic, die Wiener Stimme des Balkans, bekannt durch seine Gründungen "Wiener Tschuschenkapelle" und "Tschuschen a capella", liebt - falls ihm die Zeit bleibt - Seitensprünge in andere musikalische Kontexte. Am 30. April widmet er sich, zusammen mit Überraschungsgästen, im Porgy & Bess dem traditionellen bosnischen Liedgut. Ein schöner Anlass, um ihn mit seinem Ruf, er verabscheue modernistische Experimente mit der gewachsenen Musik der Balkanregion, zu konfrontieren.

Einerseits ist die Wiener "Weltmusikszene" ohne die seit 15 Jahren praktizierende "Tschuschenkapelle" kaum vorstellbar, andererseits wirst du von vielen Freunden der Innovation und der Improvisation innerhalb dieser Szene als Purist, als Bewahrer der Traditionen belächelt.

Es geht nicht darum, dass man so singt, wie man vor fünfzig Jahren gesungen hat. Natürlich kannst du das Ausgangsmaterial verjazzen, oder du kannst neue Musik daraus machen - es kommt darauf an, dass es Musik bleibt. Wenn du musikalisch schlecht bist, ist es egal, ob du traditionell bleibst, Jazz machst, Klassik oder neue Musik. Musik ist, wenn das Herz flattert. Und wenn sich eine Träne im Auge meldet. Wenn aber das Publikum einem Haufen von Steinen gleicht, und niemand fühlt sich bewegt, ist es doch egal, ob dieses Rührungsdefizit vom Jazz oder von der Volksmusik kommt. Mir geht es darum: Bei uns in Balkanien gibt es schöne Lieder. Sie sind melodisch schön, textlich schön - und sie werden auf eine Weise interpretiert, in der ein historischer Entwicklungsprozess eingeschrieben steht. Natürlich kannst du Sevdalinke (traditionelle bosnische Liebeslieder - R.S,) auch verjazzen, aber die Gefühle, die diese Gattung von Liedern in sich bergen, müssen rauskommen. Wenn sie nicht rauskommen, ist das Resultat misslungen. Wer aus dem Sevdalinke-Material Ethnojazz macht, muss das Potential der Sevdalinke in die neue Form hinüberretten. Wenn das nicht geschieht, ist das Lied unter deinen Händen gestorben.

Ein puristischer Wienerlied-Traditionalist könnte die Behauptung aufstellen, dass die "Reblaus" unter deinen Händen stirbt.

Wenn die "Tschuschenkapelle" oder die "Tschuschen a capella" ein Wienerlied singt, macht sie das nicht deshalb, weil sie den Anspruch hat, das Wienerlied weiter zu entwickeln. Der Grund ist simpel: Wir lieben die Rebe mehr als die Reblaus. Und wir haben hundertmal die Erfahrung gemacht, dass es für das Publikum lustig ist, wenn ich das Lied mit meinem komischen Akzent singe. Es hat wohl seinen eigenen Charme, wenn ich nicht jedes A und O so treffe, wie es der Wiener Dialekt verlangt. Selbstverständlich ist das keine Richtung, in die sich das Wienerlied entwickeln muss, das ist ebenso wenig unser Anspruch wie die Parodie des Wienerlieds. Nichts gegen Parodie, aber die muss in sich selbst ihre Berechtigung haben. Unser Zugang ist: wir haben einen Spaß und die Leute haben einen Spaß. Das ist alles.

Es geht um das Verfremden. Es macht dir Spaß, das Wienerlied zu verfremden, in deinem Fall über die Sprache. Den Balkanjazzern macht es Spaß, traditionelle Musik zu verfremden mittels anderer Musiksprache.

Wir machen doch nur einen Seitensprung ins Wienerische. Unsere Hauptaufgabe bleibt das Balkanische. Ich zweifle nicht daran, dass Balkanjazzer mit Leib und Seele mit den Liedern aus ihrer Kultur umgehen. Wenn sie das tun, ist es legitim. Die deklamatorischen Begleiterscheinungen, die Anpassungsfähigkeit der Musiker an die Rhetorik der Worldmusicindustry - das allein macht aus den neuen Ethnoexperimentierern noch keine wirklichen Avantgardisten oder Weiterentwickler.

Immer mehr Menschen interessiert an den Kulturen vor allem deren Bastardisierung, sie finden die Vermischungen am schönsten; es gibt in der fiktiven Augartenstadt einen Stadtrat, der den Spruch "je reinrassiger, desto blöder" zum Regierungsprogramm erklärt hat. Auf das Feld der Musik übertragen...

Eine Mischung von Esel und Pferd führt in eine Sackgasse, wie man weiß. Pflanzt sich nicht fort. Von mir aus soll der Bastard leben. Natürlich muss man Musik nicht als etwas Statisches betrachten. Sie wird immer von außen beeinflusst. Nichts steht ein für allemal fertig und abgeschlossen da. Alles ist erlaubt. Alle Mischungen, alle Beeinflussungen. Aber das Produkt muss schließlich in sich stimmen. Es muss Gänsehaut hervorrufen oder das Herz flattern lassen. Es muss ja nicht unbedingt amerikanischer Einfluss sein. Die Verbreitung des amerikanischen Mainstreams in der ganzen Welt hat mehr mit Kulturimperialismus als mit transkulturellen Experimenten zu tun. Mit welcher Begründung soll man nordamerikanischen Jazz in die Balkanmusik fließen lassen?

Zum Beispiel darum, weil das daraus entstehende Produkt die Hände von tausend Menschen in die Höhe treibt.

Die Kulturindustrie formt den Massengeschmack. Die Popmusik in Indonesien hört sich deshalb heute nicht mehr viel anders an als die Popmusik in Griechenland oder in Brasilien. Die Vielfalt wird zur Strecke gebracht.

Aber gerade die Kritik an der Amerikanisierung treibt viele Musiker, die vom Jazz her kommen, nämlich von der amerikanischen Standard-Art des Jazz, zurück zu ihren Wurzeln. Und das Resultat ist eben - wenn diese Musiker z.B. aus dem jugoslawischen Raum kommen - Balkanjazz. Sie drängen das Amerikanische, das Globalistische, eben zurück in ihrer Musik. Nenad Vasilic hat das in einem Augustin-Gespräch so erklärt. Nach den Abwerfen der amerikanischen Bomben auf seine Stadt, sagte er, habe er sich nicht mehr vorstellen können, bei den amerikanischen Jazzstandards zu bleiben, mit denen er sich bisher identifizierte. Balkanjazz hieß für ihn: Loslösung von der Amerikanisierung.

Das ist legitim. Aber ich komme von der Volksmusik und brauche den Jazz überhaupt nicht. Jazz wäre eine künstliche Beigabe. Für einen aber, der vom Jazz kommt, ist es sicher eine Bereicherung, wenn er seine Wurzeln entdeckt, wenn er sein Musikschaffen dann für Harmoniefolgen öffnet, die ganz anders sind als beim westlichen Mainstream-Jazz. Noch einmal: Nicht der Vorsatz, den einer sich an die Stirn heftet, ist entscheidend. Entscheidend ist, ist ob das künstlerische Resultat dem schon Bestehenden gewachsen ist, oder ob es hinter dem Gewachsenen, Bestehenden zurück bleibt.

Ob es sich um weltmusikalische Improvisationen, um imaginäre Folklore handelt, wie dieses Genre anderswo bezeichnet wird, also um Mischungen, denen du skeptisch gegenüber stehst, oder um authentische Musik, wie du sie pflegst - beide tragen zum Balkanboom bei, und beide Stilrichtungen profitieren gleichermaßen von dieser Modewelle. Das günstige Klima, das deiner Art zu singen hohe Akzeptanz bringt, wird heute auch stabilisiert durch Bands, denen du möglicherweise Missachtung der Traditionen vorwirfst.

Der Boom wird vergehen wie jeder Boom, das sagt ja schon der Begriff. Die Zeit wird die Spreu vom Weizen trennen. Aber greifen wir nicht vor. Ich bin froh, dass so viele Leute Balkanmusik hören, obwohl ich nicht weiß, ob sie das tun, weil es modisch ist. Der Boom ist wohl durch die Filme Kusturicas entstanden. Oder durch den Krieg, der einerseits unsere Regionen interessant gemacht hat, andererseits viele Musiker in den Westen getrieben hat. Wir werden abwarten und schauen, welche Balkangruppen noch spielen werden, wenn es in fünf Jahren einen Spanienboom gibt, welche Platte dann von den Menschen noch gehört wird, die in den Jahren des Balkanbooms gekauft wurde.

Ich denke, du glaubst die Antwort auf diese Frage zu wissen: die Tschuschenkapelle wird übrig bleiben, weil sie auch schon vor 15 Jahren gehört wurde, als es noch keinen Balkanboom gab.

Wärst du zufrieden mit einer Antwort wie: Die Tschuschenkapelle wird alle Kriege überleben?

Welche Verbindungen bestehen zum so genannten jugoslawischen Ghetto in Wien?

Die Tschuschenkapelle hat da einen guten Ruf. Bei uns verdient man als Musiker eben bei wenigen Auftritten oft so viel wie in einem ganzen Monat auf der Bühne eines Jugo-Lokals, und man gilt als angesehener Mann, auf den die ORF-Kameras gerichtet sind. Andererseits gibt es genau deswegen auch Gefühle des Neids. Wir spielen gerne auf rein (ex-)jugoslawischen Festen. Die Leute tanzen, sind ausgelassener als das Wiener Multikultipublikum. Es gibt einen Typus von Jugo-Lokalen, der mir aber sehr suspekt ist. Viele dieser Lokale bieten Live-Musik, um Sentimentalitäten zu befriedigen, die Sehnsucht nach der Heimat oder nach einer verflossenen Liebe, und legitimieren damit ihre überteuerten Getränkepreise. Schau dir einmal die entsprechenden Lokale am Gürtel an. Dass sie kaum noch Besucher haben, ist keine Tragödie.

Was bedeutet dein Hut? Ist diese Performance das Zeichen für deinen Traditionalismus?

Hut ist gut, wenn stehen tut. Wo ich herkomme, in Slawonien, gibt es viele Bauern, die solche Hüte tragen, wenn sie in die Kirche gehen, und manchmal auch in die Arbeit. Die sind aber speckiger als meiner, und auch ein wenig kleiner. In der ersten Tschuschenkapelle-Generation haben wir alle Hüte getragen, sogar die Frauen, und das hatte schon etwas zu tun mit dieser Tradition im Balkanraum. Wir trugen den Hut aus romantischen Motiven. Im Laufe der Entwicklung unserer Kapelle bin ich als einziger Hutträger übrig geblieben. Ich wollte mich schon ebenfalls von ihm verabschieden, doch meine Band war dagegen. Ich trage den Hut also auf Zuruf hin.

Es gibt das Gerücht, dass du den anderen verboten hast, Hüte zu tragen, um deine führende Position hervorzukehren.

Das Gerücht ist falsch. Jeder kann einen Hut kaufen. Du könntest sogar mit deiner Mütze bei uns spielen, wenn du musikalisch zu gebrauchen wärst.

Verlangst du von den Mitgliedern der Kapelle neben musikalischer Qualität auch eine bestimmte Art zu denken, die Welt anzuschauen?

Erstens: In der Tschuschenkapelle wird kein Mazedonier spielen, für den Mazedonien über alles steht, oder kein Kroate, für den Kroatien über alles steht. Nationalisten sprechen wir nicht an. Wir werden uns immer unterscheiden von jenen nationalistischen Bands, die nur aus Kroaten oder ausschließlich aus Serben bestehen. Zweitens: Wir spielen lieber die Musik, die die Gastarbeiter lieben, als jene, an der sich die Upper Class ergötzt. Drittens: Die Mitglieder der Band sind bereit, manchmal auch ohne Honorar zu spielen, wenn dadurch soziale Projekte unterstützt werden. Viertens: Wir treten für die Gleichberechtigung der Migrantinnen und Migranten, die hier leben, ein. Wir sind aber eine Band, die für diese Intentionen nicht den Zeigefinger einsetzt, sondern eher den Wiener Schmäh.

Du hast Soziologie studiert. Wärst du heute nicht Musiker, sondern Soziologe - was würde dein wissenschaftliches Interesse erregen?

Ich würde erforschen, warum es zu einem Krieg kommt. Der Krieg am Balkan hat mir sehr viele schlaflose Nächte beschert. Ich hätte nie geglaubt, dass es zu einer derartigen Eskalation kommen könnte. Ich hielt Jugoslawien für ausreichend konsolidiert, nahm eine gegenseitige Gelassenheit unter den Ethnien wahr. Der Ausbruch des Hasses in den 90er Jahren hat mich völlig überrascht. Andererseits hab ich mich an meine Diplomarbeit über das "soziale Wesen des Faschismus" erinnert, in der die Manipulierbarkeit der Menschen das Thema war. Offensichtlich haben sich die Menschen nicht geändert. Die Medien können sie bis zu jenem Punkt bringen, an dem sie mit dem Selbstdenken aufhören. Dieses sozialpsychologische Phänomen, das nicht losgelöst von der ökonomischen Lage betrachtet werden kann, interessiert mich. Warum nimmt man vom Nachbarn, mit dem man zwanzig Jahre lang gemeinsam Feste gefeiert hat, plötzlich an, dass er einem den Schädel einschlagen will, nur weil er in die andere Kirche geht?

Mit Slavko Ninic sprach Robert Sommer

Augustin, Die erste österreichische Boulevardzeitung, Wien, im April 2005